taz-Gurke des Tages: „Wollen Sie zurück nach Bayern?”


Offener Brief an die taz-Redaktion. Per Mail an impressum@taz.de und geno@taz.de.

Guten Tag,

ich bin Thomas Pfeiffer, taz-Genosse aus München mit der Nummer 1xxxx5.
In der Samstagsausgabe verleiht die Wahrheitsseite folgende „Gurke des Tages“

EinsPlus zeigt am Sonntag eine Reportage über „Robert Warzechas Weg in die Blindenfußball-Nationalmannschaft“, wie der Fernsehsender jetzt in einer Pressemitteilung ankündigte. Wer immer auch Robert Warzecha ist, dafür braucht es doch keine Fernsehreportage. Der Weg des blinden Fußballers lässt sich doch auch in wenigen Worten nacherzählen: „Aua, huch, oh, nanu, uups, oje, hoppla, ach, seufz, o weh … Sorry, Schiri. Ich dachte, Sie wären dieser verdammte Torpfosten!“

Dazu drängen sich mir ein paar Fragen auf, um deren Beantwortung ich Sie hiermit freundlich ersuche:

Hat die taz-Redaktion nach diesem Text schon „Post von Wagner” erhalten, der es sich verbittet, dass Sie ihm seine Stellung als Voll-Honk der Nation streitig machen?
Von kurzem hat sich Frank Pöpsel, der Chefredakteur von Focus Money, über einen in Leichter Sprache verfassten Text von Anton Hofreiter lustig gemacht. Leichte Sprache richtet sich an Menschen mit geringen Sprachkompetenzen, z.B. wegen einer geistigen Behinderung. Wird künftig Frank Pöpsel auch Kolumnen für die taz schreiben und wenn ja, auch wieder zum Thema Inklusion?
Horst Seehofer und die bayerischen Landtagspräsidentin Frau Stamm stehen wie kaum jemand anderes für Qualitätsjournalismus (Eigendefinition). Deshalb werden missliebige JournalistInnen schon mal gerne des Landes verwiesen. Planen Sie, durch solch eine Berichterstattung Ihre Präsenz in Bayern wieder auszubauen?
Glauben Sie, dass bei einer solchen chirurgischen Provokation Kolleteralschäden nicht vermieden werden können und dass dadurch die Zukunft der taz gesichert werden kann?
Sind Sie der Meinung, dass Satire alles darf und dass dazu auch gehört, sich über blinde Menschen lustig zu machen?
Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?
In freudiger Erwartung Ihrer Antwort,

Hochachtungsvoll,
Thomas Pfeiffer

Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.

Update 1: Antwort der taz
Lieber Thomas Pfeiffer und Konsorten,

normalerweise reagieren wir ja auf Stellvertreter-Empörung nicht, weil sie nur die persönlichen Gewissensbisse der Empörten kanalisiert, wie sich zum Beispiel in Ihrem bemüht humorigen Fragenkatalog zeigt, auf den ich besser nicht eingehe. Aber wenn jetzt Robert Wazercha oder der Vertreter eines Blindenverbands mich fragen sollte, was an der “Gurke des Tages” zur Blindenfußball-Nationalmannschaft komisch sein soll, dann würde ich folgendes sagen:

Stellen Sie sich vor, Sie sind blind … Das müssen Sie sich selbstverständlich nicht vorstellen, Sie sind es ja. Aber stellen Sie sich vor, Sie sind blind und ständig kommt jemand auf Sie zu und sagt: “Sie sind ja blind, Sie armer, armer Mensch.” Wäre das nicht ganz schrecklich? Ja, das ist ganz schrecklich, weil es nämlich dauernd passiert und diese lauen Mitfühler Sie mit Mitleid überschütten. Mitleid aber ist die schlechteste Medizin. Es trübt den Blick und vernebelt die Sinne. Besser ist es, wenn jemand über Sie lacht, weil Sie damit Teil einer Gemeinschaft werden. Stellen Sie sich nur vor, niemand lacht über Sie. Dann gehören Sie nicht zu den übrigen Menschen, sondern werden ausgegrenzt, als einziger über den man keine Witze machen darf. Ein bisschen Spott kann jeder Mensch gut vertragen, weil im Lachen die Erkenntnis wächst, dass auch ein Blinder ein Teil unserer komischen Welt ist.

Das würde ich, lieber Thomas Pfeifer, einem Blinden sagen wie Robert Wazercha, der übrigens heute bei mir anrief und meinte, er hätte über die Glosse sehr gelacht, würde sich aber wünschen, dass die Aufmerksamkeit, die dem Blindenfußball durch solche Satiren zuteil wird, sich auch in ernsthaften Berichten niederschlägt. Ich habe ihm noch viele Tore gewünscht.

Beste Grüße

Update 2: DSB erwartet Entschuldigung
Der „Deutsche Behindertensportverband” DBS erwartet Entschuldigung der taz: http://www.dbs-npc.de/

Update 3: Robert Warzecha hat nicht gelacht, anders als vom taz-Redakteur behauptet
Der Westen berichtet von einem Gespräch zwischen Robert Warzecha und der taz. Warzecha widerspricht darin der Darstellung des taz-Redakteurs, dass er über den den Artikel gelacht hätte. Das Gegenteil sei der Fall.

Warzecha (26) sagte am Dienstag, dem “Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung”, beim Hören des Textes sei er “erst einmal sprachlos” gewesen und dann “beleidigt für meinen Sport”. Und es habe ihm “weh getan, dass da einer, der noch nie ein Fußballspiel der Blinden gesehen hat, der den Film nicht gesehen hatte, mir unterstellt, ich könnte einen Schiedsrichter – also einen Menschen – nicht von einem Stück Aluminium unterscheiden”.

http://www.derwesten.de/sport/fussball/dbs-praesident-beucher-verlangt-taz-entschuldigung-id8730294.html

31 KOMMENTAR AUF “TAZ-GURKE DES TAGES: „WOLLEN SIE ZURÜCK NACH BAYERN?””
Carsten Rossi sagt:

  1. Dezember 2013 um 01:35
    Unterzeichne jedes Wort.

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Heinz W. Warnemann sagt:

  1. Dezember 2013 um 03:01
    Unterschreibe hiermit jede der sechs Fragen.

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Marco Schüller sagt:

  1. Dezember 2013 um 04:08
    Die Fragen drängen sich allerdings auf, bin gespannt auf die Antworten.

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Stefan sagt:

  1. Dezember 2013 um 05:03
    In freudiger Erwartung der Kündigung der Genossenschaft abseits vollmundiger Worte

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Thomas Pfeiffer sagt:

  1. Dezember 2013 um 16:35
    Man muss jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Mit einer Alles-oder-nichts-Attitüde gewinnt man nichts.

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Gudrun Lux sagt:

  1. Dezember 2013 um 06:06
    Richtige Fragen, denen ich mich gerne anschließe.

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Georg Nitsche sagt:

  1. Dezember 2013 um 07:43
    Danke für diese Meinungsäußerung, genau im richtigen Ton und mit den richtigen Fragen.

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Hannah sagt:

  1. Dezember 2013 um 09:37
    Fremdscham – ja, genau das.

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Thomas Blankenburg sagt:

  1. Dezember 2013 um 09:46
    signed.

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Sabine Feldner sagt:

  1. Dezember 2013 um 09:51
    Danke für diesen offenen Brief. Fremdschämen trifft es ganz gut.

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Stadtneurotiker sagt:

  1. Dezember 2013 um 10:09
    .

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Frau Freundin sagt:

  1. Dezember 2013 um 11:36
    Besser kann man es nicht sagen/schreiben.

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Wolfgang Schmidhuber sagt:

  1. Dezember 2013 um 12:06
    Volle Zustimmung vom Genossen 19xx

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Oliver sagt:

  1. Dezember 2013 um 13:14
    Unterstütze jedes Wort.

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Stephanie sagt:

  1. Dezember 2013 um 15:10
    das ist leider, leider keine Überraschung (bügeln gehen, BH-tragen, Frauen in der Kommunalpolitilk, usw).

Die taz steht nicht mehr für das, wofür sie einmal angetreten ist. Sie vertritt sexistischen, rassistischen und behindertenfeindlichen Dreck.

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Antje Wagner sagt:

  1. Dezember 2013 um 15:11
    Volle Zustimmung!

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Johannes Mairhofer sagt:

  1. Dezember 2013 um 17:29
    Danke Thomas für den offenen Brief, den ich gerne unterschreiben. Was war da bei der taz los?
    Ich bin sonst schon Freund von Ironie uns Sarkasmus, aber das ging daneben.

Johannes

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Harald Schmitt sagt:

  1. Dezember 2013 um 18:22

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Markus Büchler sagt:

  1. Dezember 2013 um 23:33
    Jetzt Pöpselt auch noch die taz. Ich fass es nicht. Fremdscham.

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Markus Feuerbach sagt:

  1. Dezember 2013 um 14:07
    Bei den Zeilen war offensichtlich nicht nur ein Vollpfosten am Werk, oder leistet sich die TAZ keine Redakteure mehr? Ich kann mir diesen Artikel nur mit komplettem Unwissen, Ignoranz gegenüber Blinden und sehr schlechtem Humor erklären.

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Christiane sagt:

  1. Dezember 2013 um 14:32
    Ich habe über den offenen Brief sehr gelacht – im Gegensatz zum Taz-Text, der ja angeblich lustig sein soll. Vielen Dank dafür!

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Dani sagt:

  1. Dezember 2013 um 20:36
    Ich finde diesen offenen Brief auch um einiges amüsanter als den taz-Artikel, der war nämlich das, was die taz Thomas Pfeiffer unterstellt: bemüht humorig.
    Vielen Dank also. 🙂

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Pepe sagt:

  1. Dezember 2013 um 12:28
    Herr Pfeiffer,
    Behinderte Menschen wollen gleichgestellt behandelt werden. Dazu gehört auch Humor. Diesen zu verstehen setzt natürlich ein gewisses Maß an Intelligenz vorraus….
    Was Sie und die zahlreichen Kommentatoren hier offenbaren ist nichts anderes als diskriminierend…
    Erst wenn man über Hautfarbe, Behinderung und Glaue lachen kann, hat man alle Grenzen überwunden ud volle Aktzeptanz erreicht.

In meinen Augen seid ihr die “Vollpfosten der Nation”, in Ihrem Jargon gesprochen.

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Elly sagt:

  1. Dezember 2013 um 17:55
    Das hat überhaupt nichts mehr mit humor zutun, ich kenne Robert und noch viele andere “Behinderte” und jeder kann über witze über blindheit und sonstiges lachen, aber irgenwann ist die Grenze überschritte und dieser Artikel geht überhaupt nicht!
    Ach so, aus ihrer Antwort entnehme ich, dass sie diesem Blinden mangelnde Inelligenz vorwerfen? Nur so neben bei hat dieser besagte Blinde Abitur gemacht und studiert….

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Giliell sagt:

  1. Dezember 2013 um 13:00
    Ich weiß ja gar nicht, was ich schlimmer finde: Das Original oder das Antwortschreiben.

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Reinhard Tank sagt:

  1. Dezember 2013 um 21:47
    Das hat mit Satire nichts zu tun. Das war einfach nur dumm und noch nicht einmal lustig. Schämen Sie sich!

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Eva-Maria sagt:

  1. Dezember 2013 um 11:27
    Die TAZ zeigt unfassbare Dummheit, gepaart mit Ignoranz – beim Artikel und beim Antwortbrief. Redakteur mit Reifezeugnis? Zweifelhaft. Humor sieht definitiv anders aus.

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Klaus sagt:

  1. Dezember 2013 um 16:30
    Hätte ich nicht bei der Ode der Taz auf den ach so “linken” FC Bayern schon mein ABo gekündigt würde ich es jetzt wahrscheinlich tun…

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DL2MCD sagt:

  1. Dezember 2013 um 08:32
    Da wollte die TAZ wohl einen auf Titanic machen? =:-O

Kann die Titanic aber besser…das hier war eher Stammtisch…

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Michael sagt:

  1. Dezember 2013 um 15:46
    Und es habe ihm “weh getan, dass da einer, der noch nie ein Fußballspiel der Blinden gesehen hat, der den Film nicht gesehen hatte, mir unterstellt, ich könnte einen Schiedsrichter – also einen Menschen – nicht von einem Stück Aluminium unterscheiden”, sagt Warzecha.

Es ist also ein Kriterium für ihn, ob irgendjemand irgendetwas GESEHEN hat? Das finde ich bemerkenswert.

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Großmutter sagt:

  1. Dezember 2013 um 11:11
    Lachen verbindet – immer und um jeden Preis?
    Schon als Kind konnten garantiert viele Menschen die Erfahrung machen, und das weltweit: Gemeinsames Lachen verbindet, das ist ein Ausdruck der Zusammengehörigkeit, man fühlt sich verstanden.
    Aber ausgelacht zu werden ist eine bittere Erfahrung, schlimmer noch als die scheinheiligen Mitleidsbekundungen: Wer jemanden lächerlich macht, der versucht, ihn auszugrenzen, der gibt ihn den anderen preis und zieht damit eine unsichtbare, aber für den Betroffenen schmerzlich spürbare Grenze. Und das ist genau das Gegenteil von Integration!
    Wer solche menschlichen Grundregeln nicht kennt, sollte besser die Finger vom Journalismus lassen.